Dienstag, 10. Dezember 2013

einen meiner lieblingsautoren rezensieren? na, klar, mach ich.


schon seit einiger zeit bei blogg dein buch registriert, habe ich anfangs noch regelmässig nach interessanten büchern gesucht und mich beworben, doch allmählich war ich durch die mangelnde erfolgsquote dieser bewerbungen gelangweilt und habe nur noch selten die seite besucht. aber in diesem herbst wohl im rechten augenblick, denn spontan entdeckte ich das neue buch eines meiner lieblingsautoren und rechnete mir wenig chancen aus... darum war die überraschung um so grösser, als ich das buch zum rezensieren bekam. allerdings auch über den termin für die rezension. mitten im advent ein buch lesen, das ist kein problem, aber mitten in der filzkurshochsaison, zwischen gutslebacken und geschenkeaussuchen noch dazu pünktlich eine rezension abgeben... naja, man kann es zumindest versuchen.

gelesen habe ich den "todesengel" von andreas eschbach - wie die meisten seiner bücher - in einem rutsch, teilweise etwas nachtschlafraubend, aber auch das ist ja schon eine qualität, die nicht jedes buch hat: wenn man weiterlesen muss, auch wenn man weiss, es wäre besser, das buch wegzulegen und am nächsten morgen ausgeschlafen zu sein.


selbstjustiz versus staatliches gewaltmonopol - wie das thema des buchs im klappentext kurz zusammengefasst wird - hört sich zunächst gewaltig und zugegebenermassen auch ein wenig trocken an.
und trotzdem fängt es ganz einfach und alltäglich an: der rentner erich sassbeck, ausgerechnet ein ehemaliger ddr-grenzsoldat, trifft spät in der nacht auf einem einsamen u-bahn-steig auf zwei jugendliche, die mit wüsten fusstritten eine sitzbank demolieren. er spricht die jugendlichen an und wird daraufhin von ihnen äusserst brutal zusammengeschlagen.
weniger alltäglich ist allerdings das, was dann geschieht: ein weiss leuchtender engel tritt auf den plan und erschiesst die beiden jugendlichen täter, und zwar ausgerechnet mit einer waffe der ehemaligen ddr-grenztruppen. da ist es völlig logisch, dass niemand dem opfer glaubt, und er so für den täter gehalten wird. doch indizien (die fehlende waffe) und auch das video einer passantin entkräften diesen verdacht rasch.
dieses eingreifen des fortan "racheengel" genannten unbekannten ist aber nur auslöser für den eklat, der die abwägung der standpunkte selbstjustiz versus staatlichem gewaltmonopol ins rampenlicht bringt. und dies nicht nur in übertragener form. hauptprotagonist des romans ist nämlich ein bisher eher glücklos vor sich hin dümpelnder engagierter journalist. in einer mit heissen nadeln gestrickten talkshow eines privatsenders darf er nun menschen zu wort kommen lassen, die sich in notsituationen couragiert verhalten haben und eben nicht auf das gewaltmonopol des staates vertraut haben. oder die, in einer anderen sichtweise, selbstjustiz verübt haben. und er darf nicht nur dem politikwissenschaftler, mit dem er auch privat ein hühnchen zu rupfen hätte, sondern auch dem staatsanwalt, die beide auf ihre art das staatliche gewaltmonopol vertreten, paroli bieten und sich sogar ein wenig an ihnen rächen. und dies alles, während in der stadt (ist das eigentlich berlin?) weiterhin der "racheengel" umgeht und weitere täter zu opfern macht - jeweils beidhändig, durch kopfschuss.

dabei ist es dann nicht dieser seltsam abstrakt bleibende gewaltexzess, sondern es sind die szenen in der talkshow, die mich distanz zu all den selbst ernannten rettern der ordnung gewinnen liessen, so dass ich dann schon in der mitte des buches froh war über den auftritt des staatsanwalts ortheil, der den  begriff des populismus in die debatte wirft und damit recht eigentlich die diskussion in ein gewisses gleichgewicht zurückbringt. neben der offiziellen seite kommen hier auch sehr geschickt die angehörigen der täter/opfer zu wort, so dass auch ganz allgemeine themen der menschlichkeit nicht vergessen gehen.
überhaupt ist eschbach natürlich viel zu clever um direkt für eine seite partei zu ergreifen. er spielt lieber mit dem im leser erzeugten unbehagen, wenn der sich selbst plötzlich bei merkwürdigen gedankengängen ertappt.
spannung bringt die suche nach der person des engels mit sich, der sein leuchten selbstverständlich weder seiner moralischen überlegenheit, noch einer überirdischen erscheinung zu verdanken hat, sondern trivialer technik. die dann auch auf seine spur führt. auch seine vorgeschiche beleuchtet das thema selbstjustiz von einer anderen seite, wenn klar wird, dass auch sein handeln in einer gewalterfahrung gründet.
der showdown, und es gibt einen solchen tatsächlich, bringt dann noch einmal eine tiefe persönliche verstrickung der hauptperson ingo praiss, der so vom moderator zum betroffenen wird und seinen standpunkt noch einmal überdenken muss. oder darf.
ein spannendes buch, ein spannendes thema. wobei die spannende handlung eine vertiefte auseinandersetzung mit dem brisanten thema eher schwierig macht. eigentlich will man nämlich wissen, wie es weitergeht und drückt sich so allzuleicht um eine eigene auseinandersetzung.

das buch ist übrigens auch schon als hörbuch und als ebook erschienen. und es hat mich mit der idee von blogg dein buch wieder versöhnt, es lohnt sich halt doch, auf etwas zu warten, was man wirklich renzensieren mag!



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