Sonntag, 11. Oktober 2026

buchmesse frankfurt - gastland tschechien

ich gebe es gleich und unumwunden zu: ich bin nur hier in frankfurt, weil ich irgendwann im frühjahr oder sommer mitbekommen habe, dass tschechien in diesem jahr zu gast an der frankfurter buchmesse sein würde, das ganze unter dem motto tschechien - ein land an der küste. (frei nach shakespeare). 

in einem anfall von unternehmungslust und selbstüberschätzung habe ich mir (in dieser reihenfolge) ein hotelzimmer, eine drei-tage-eintrittskarte für die buchmesse und eine zugverbindung gebucht. und knapp drei wochen nach unseren ferien schon wieder ein langes, freies wochenende in meinem arbeitskalender eingetragen. 

also konnte ich schon am freitag, dem ersten öffentlichen buchmessetag anreisen und war dank nahezu pünktlicher ankunft in frankfurt schon vor zwölf uhr beim check-in (also keine stunde nachdem die messe überhaupt fürs publikum geöffnet hat - ich hatte mir ja noch überlegt, ob ich eventuell alte oder neue beziehungen spielen lassen könnte, um an ein fachbesucherinnenticket zu kommen, hab das dann aber sein lassen). 


 eine ganze ebene einer messehalle ist nur für das anstehen und kontrollieren der tickets vorgesehen - die füllte sich dann auch zusehends während ich anstand, um mein gepäck abzugeben. ansonsten fiel mir vor allem auf, dass der eingangsbereich zur messe sich seit meinem letzten besuch hier in den achtzigern nicht so sehr verändert hat. 

mein erster weg führte mich ins forum - wo sich tschechien als gast an der buchmesse präsentiert. ich muss vielleicht noch ein paar fotos machen. hier befinden sich zwei bühnen, ein café und tschechische bücher im original und in der übersetzung werden präsentiert, all dies eingebettet in einen landschaft aus aufblasbaren "felsen". 


 nachdem ich mich ein bisschen umgesehen hatte, beschloss ich, mir das erste panel, das ich mir markiert hatte, zu suchen. und landete in einem eher ruhigen bereich etwas abseits von den messehallen, wo ein sehr einzelner ondřej buddeus sein buch fahr rad in einem riesigen, aber schlecht besuchten vortragssaal vorstellen durfte. 


 für mich als einstieg genau das richtige - und er hat sich tapfer geschlagen. ich denke es ist ein schönes buch, mit vielen liebevollen und auch witzigen illustrationen. auf seine botschaft angesprochen hat er dann auch noch ein flammendes bekenntnis zur kultur des radfahrens geliefert, sehr sympathisch. und er ist von prag nach frankfurt mit dem fahrrad gekommen! 

anschliessend war ich dann bereit, mich zum ersten mal ins getümmel einer der messehalle zu werfen - und wenn man mal an den grossen platzhirschen wie thalia vorbei ist, geht es eigentlich, vor allem zwischen den winzigen ständen der literarischen verlage, die auch tschechische übersetzungen im programm haben. ich habe mir einen stempelpass geholt - die tschechienreisende kennt es - allerdings reichte es mir dann nicht mehr um so recht mit dem sammeln zu beginnen, denn ich kam schon ein bisschen zu spät zum nächsten panel, wo alice horáčková und štěpán kučera unter dem titel deutsch-tschechisches zusammenleben aus ihren aktuellen büchern lasen. das war vor allem wegen der texte aus den büchern schön - und ich lernte, dass die stühle im forum sehr unbequem sind und man sich am besten ein headset mit übersetzung geben lässt, bevor man sich zu einer der veranstaltungen hier hinsetzt. 

von dort machte ich mich dann gleich auf den weg zur nächsten bühne - diesmal für eine diskussion, die von united nations publications gehostet wurde. auf dem podium sassen vier schriftsteller:innen aus krisenregionen, aus dem irak, argentinien, der türkei und tschechien und lasen zunächst aus ihrem werk und diskutierten anschliessend über die besonderen bedingungen ihrer arbeit und die situation der menschenrechte. ich kannte bis dahin nur radka denemarková, und die auch nur, weil sie bei der eröffnung der buchmesse und dem auftritt des tschechischen kulturministers von der autofahrerpartei dafür gesorgt hatte, dass die nasen der herren in den vorderen reihen ein bisschen blass wurden. dazu auch in der taz, mit besonderer berúcksichtigung der vertreter der deutschen regierung. 


ein gutes panel - auf englisch, aber ich habe bis auf eine lesung (alles nichtmuttersprachler, die auf englisch oder deutsch lasen) das meiste mitbekommen. anstrengend die lage der bühne in einer halle, die auch ein café beherbergt und durchgang für die grosse halle der asiatischen verlage ist. 
 
anschliessend machte ich einen umweg über die halle mit den länderauftritten - da muss ich noch mal hin.
 

 und begann mit stempelsammeln bei den kleinen verlagen in der messehalle 3 - vorteil: überall finde ich dabei tschechische bücher, teils habe ich schon in den podcasts davon gehört, teils auch neues. und man kommt so auch mit den leuten am stand ins gespräch. nur leider kam ich dann schon wieder zu spät zurücl ins forum, wo die für mich heute letzte veranstaltung, ein poetry slam mit deutschen und tschechischen beiträgen, schon am laufen war. dazu gab es dann ein glas tschechisches bier und irgendwann auch einen sitzplatz auf einem der unbequemen stühle. 


danach lief ich lange bis zum ausgang, bekam eine u-bahn, hatte mich ein bisschen verschätzt, was deren fahrtrichtung anging (grundsätzlich schon richtig, nur hätte ich früher auf die strassenbahn umsteigen müssen) und kam nach einer extrarunde über bornheim-mitte irgendwann an meinem stilmässig total scheusslichen moxy-hotel an, in dessen lobby ich sogar noch etwas zu essen bekam. ok, was kann man schon von einer pinsa alsatian style "ist in drei minuten fertig" erwarten, aber erstaunlich essbar. 

danach nicht mehr viel, mit kai hatte ich schon vorher telefoniert, also musste ich nur noch ein bisschen recherchieren, was ich morgen machen will, dann durfte ich auch schon ins bett. nur zum lesen kam ich nicht mehr.  

*** 

dafür war ich dann am nächsten tag (samstag) schon recht früh ausreichend ausgeschlafen und stand nach bloggen und duschen schon um halb acht beim hervorragend ausgestatteten frühstücksbuffet. (es hätte sogar griessbrei gegeben). nachdem es die ganze nacht immer wieder geregnet hatte (gut hörbar durchs gekippte fenster an der doch recht fleissig befahrenen strasse) lichteten sich die wolken und das wetter sah besser aus als am freitag. 

der weg zur messe führte wieder über bornheim-mitte, das hatte die app so vorgeschlagen, und war auch insofern gut, als ich mich dort auf dem wochenmarkt mit einem fischbrötchen fürs mittagessen ausstatten konnte. an der messe gingen die schlangen heute dann schon in der u-bahn-station los, aber es ging zügig ins gebäude hinein und mit meinen erfahrungen des vortags konnte ich überall ein bisschen abkürzungen nehmen und war innerhalb einer viertelstunde in halle 3.0.

dort war es schon relativ voll, ich hatte noch ein bisschen zeit, um vor dem ersten geplanten panel ein bisschen herumzulaufen und unter anderem meine stempelkarte voll zu machen... und nebenbei weitere verlage mit tschechischen autor:innen im programm kennenzulernen. 


zwischen den ständen der "grossen verlage" bleibt immer noch platz, auch wenn viel los ist. 


 bei den kleinen verlagen, die sich teils dicht an dicht in zwei, drei meter langen ständen drängen, kann es dann schon recht eng werden. aber alles nichts gegen zum beispiel einen thalia-stand, wo im stundenrhythmus bestsellerautor:innen lesen und für den es dann auch einen extra-warteraum draussen gibt. 


 auf dem weg zum global stage noch schnell ein foto gemacht - draussen wäre es auch schön gewesen, immerhin bin ich heute immer mal wieder über den platz statt drumherum gelaufen. 


 um halb elf lasen und diskutierten dann jaroslav rudiš und martin becker über - ja was denn eigentlich? wie sie sowohl in tschechien als auch in deutschland leben, arbeiten, schreiben, reisen und wie das jeweils ähnlich, aber auch ganz anders ist, welche erfahrungen sie machen, wo sie ihre inspirationen her nehmen, aber auch über die pünktlichkeit von zügen, taktfahrpläne und ihre einführung und einen bahnhof, der als solcher nicht mehr gebraucht wird, aber als bahnhofskneipe neu auferstanden ist (praha dejvice). jaroslav rudiš ist ein grosser selbstdarsteller, aber es war halt schon unterhaltsam und bemerkenswert, dass es an keinem punkt um die nicht gerade unkomplizierte vergangenheit der beiden länder ging. 


 auf dem weg zur nächsten veranstaltung trödelte ich durch eine halle mit internationalen ausstellern - bei penguin und random house wurde schon zusammengepackt, da geht es wohl vor allem um den rechteverkauf und der war am samstag gelaufen. 


 auch noch spannend: wie china sich an einem sehr grossen stand präsentiert. komplett andere lichtstimmung schon mal als zum beispiel bei den skandinavischen ländern oder dem baltikum - aber tolle buchkunst, leider nicht fotografiert. 


 um kurz nach zwölf (mitgebrachtem fischbrötchen sei dank trotz langer schlangen an den ständen und restaurants gestärkt) der höhepunkt des tages, bei dem ich mir noch kurz überlegt hatte, ob ich ihn ausfallen lassen sollte: poesie als stimme, geste, erlebnis. auf dem bild performen die beiden herren pavel novotný und jaromir typlt die sonate in urlauten von kurt schwitters und ganz in dieser tradition oder auch in der von ernst jandl ging es weiter. das war ein erlebnis, wie es halt nur live stattfinden kann. und was für eine riesige leistung bei den vergleichsweise kurzen gedichten die übersetzung ist! bei pavel novotný konnte ich - weil es sehr viel um alltagssituationen geht - vieles auch im tschechischen verstehen und weil die gedichte jeweils in beiden sprachen performt wurden, im deutschen ganz andere worte und wendungen entdecken, hier geht es vor allem darum, die stimmung des gedichts in der anderen sprache abzubilden. 


 in der halle mit dem gastauftritt tschechiens war es wieder eher ruhig - auch schön, um mal auszuruhen und mich anschliessend mal für eine weile einfach treiben zu lassen. die zwei stunden bis zum nächsten ausgesuchten panel waren dann eigentlich auch viel zu schnell vorbei, ein bisschen sass ich beim sbvv, stand ich am rand der dlf-bühne, blätterte ich durch bücher verschiedenster verlage, verweilte ich am stand der taz, holte mir ein autogramm von einem autor, dessen buch ich gekauft hatte.  


 dann war es auch schon zeit für die vorstellung der bücher von jonáš zbořil und klará vlasáková - und eine diskussion um dystopische erzählungen. auf "flora" war ich schon durch eine buchbesprechung aufmerksam geworden, das wird sicher auch hier noch im blog vorkommen, die lesung aus "die kugel" machte mich zumindest neugierig. all zu viele bücher möchte ich aber auch nicht hier kaufen, es muss ja alles heimgetragen werden und der lokale buchhandel kann den umsatz auch gebrauchen. 

relativ zügig wechselte ich danach in halle 3.1 zum länderauftritt tschechiens, wo eine vorstellung der stadt brno angekündigt war. das war dann eher ein bisschen seltsam, zuerst war eine der bejubeltsten tschechischen autorinnen, dora kaprálová auf der bühne, einfach weil sie aus brünn stammt (von ihrem buch "die maribor-hypnose" habe ich mehrere besprechungen gehört, überzeugen konnte mich das alles nicht so recht), dann stellte eine kunsthistorikerin einen band mit 50 objekten aus dem museum der stadt brünn vor und am ende waren zwei damen von brno-tourismus auf der bühne, um klassische städtewerbung zu machen. joa, wir waren ja schon dort und neues gab es jetzt da auch nicht zu erfahren. ich war aber zu müde um zu gehen und froh ums sitzen und berieseln-lassen. 


die hallen hatten sich gegen halb sieben dann deutlich geleert, das war mit gestern gar nicht so aufgefallen, dafür war ich bei der fahrt ins hotel etwas aufmerksamer und schaffte es, oberirdisch mit strassenbahnen unterwegs zu sein. frankfurt ist halt wirklich keine schöne stadt. und dazu noch, wie überall, viel baustelle um den bahnhof, tut ihr übriges. 

im hotel ruhte ich nur kurz aus, zog mir andere schuhe an und ging dann nur ein haus weiter zum abendessen - ganz hervorragend marokkanisch, nur eigentlich viel zu viel, bis ich das bemerkte, hatte ich mich aber schon ein bisschen überfressen. bemerkenswert konsequent: es wird kein alkohol im restaurant nazar serviert, das publikum sehr gemischt und eine gute stimmung im lokal. lange blieb ich trotzdem nicht, im hotel wurde eine comedy-dating-show vorbereitet, ich kaufte mir noch ein getränk und nahm es mit aufs zimmer. 

dort plante ich wieder den kommenden tag und beschloss, dass es mit messe nun genug sein sollte - es gibt noch eine ausstellung im museum für kommunikation, die ich mir morgen anschauen werde, bevor es auf die heimreise mit einem angesagt randvollen zug gehen wird, für den ich keinen sitzplatz reservieren konnte, ich bin gespannt.  

 *** 

 der sonntag war dann sehr entspannt - weil das museum erst um zehn öffnet und ich aus dem hotel sogar bis 12 uhr auschecken konnte, musste ich mich überhaupt nicht beeilen. 

mit einer strassenbahn machte ich eine kleine stadtrundfahrt aus dem osthafen über den main und den südbahnhof, bis ich kurz vor dem mainufer ausstieg. zwei kreuzungen weit musste ich noch laufen, auffällig dabei vor allem, dass vor einem bäcker und einem café schlangen waren, vor anderen nicht. na, man wird schon wissen, warum man da ansteht. 


im museum nahm ich es auch sehr gemütlich - und schaute mir wirklich nur die ausstellung "samizdat" an. der begriff samizdat  stammt ursprünglich aus dem russischen und meint die veröffentlichung von schriften von in totalitären staaten verfolgten dichtern. das geschah mit meist ganz wenigen technischen mitteln, die texte wurden abgetippt, mit so viel wie möglichen durchschlägen, manchmal auch mit vervielfältigungsgeräten oder einfachsten siebdruckverfahren. die website des museums für kommunikation informiert eigentlich schon recht gut über das thema - sehr viel tiefer ging die ausstellung auch nicht, aber es gab ein paar originale, auch eine vervielfältigungsmaschine zu sehen. 


danach setzte ich mich ins schöne sonnige museumscafé und las eines der auf der buchmesse erstandenen bücher weiter. später holte ich mir irgendwann noch eine kürbissuppe, bevor ich gegen halb zwei zum bahnhof aufbrach. 


der bahnhof war super voll, die verwirrung um den gebuchten zug war komplett, aber immerhin wurde er konstant für ein gleis angezeigt, kam und ging mit einer viertelstunde verspätung, die er zügig nach etwa zwanzig minuten fahrt durch einen ungeplanten unterwegshalt auf eine dreiviertelstunde ausbaute. ich bin also nach wie vor gespannt, wann ich dann zuhause ankommen werde und hoffe sehr, dass ich von kai abgeholt werde vom bahnhof, der rucksack ist schon arg schwer...

 

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