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Sonntag, 29. Juni 2025

kw 26 - auf knopfdruck entspannen

ich bin ja einigermassen stolz darauf, dass ich es seit ein paar wochen schaffe, mir in meine wochen etwas anderes als alltag einzuplanen - in dieser woche gab es sogar zwei kleine ausflüge. 

dabei war die arbeitswoche intensiv und wieder einmal sehr zerstückelt, dank dreier etwas komplizierter vermietungen. es gibt ja immer wieder so situationen, in denen nicht alles klappt, aber der grad des nichtklappens ist dann halt schon auch noch entscheidend. diese woche: einmal beamer tut nicht das, was er soll (deutlich unkomplizierter gelöst als die it sich das gedacht hatte), es ist zu heiss im raum (kann ich nicht ändern, die gruppe kam am zweiten bezahlten tag nicht wieder), schlüssel nicht im schlüsselkasten (ja, die vormieterin wusste, dass sie den schlüssel nicht mitnehmen darf, aber es kann halt schon passieren, dass sie es vor lauter stress und hitze vergisst? menschliches versagen, das zu einem um 10 minuten verspäteten unterrichtsstart geführt hat, vielleicht auch eine lektion, die die jungen menschen, die ein bisschen warten mussten, bis sie sich hinter ihre bildschirme setzen konnten, gratis und franko bekommen haben. nur: wie bringe ich die eltern dazu, das auch so zu sehen?), entgegen meinem dringenden und begründeten wunsch zum falschen zeitpunkt im falschen raum angeliefertes zusatzmobiliar für eine veranstaltung (hallo? gemietet für vier stunden und dann sollen wir fünf tage auf dem zeug sitzen? - angesichts der hitze hab ich ja verstanden, dass es so einfacher war, ich musste trotzdem laut protestieren, wurde gehört, abgeholt, später geliefert... und - damit hab ich gedroht - kein kind in der krabbelgruppe von bauteilen erschlagen). 

arbeitszeit in der werkstatt minimal: ich filzte ein bestelltes veggiefell, lieferte es aus und verbrachte einen besucherlosen freitagnachmittag in der offenen werkstatt mit häkeln für ein filzprojekt für mich.  

ansonsten war es wieder heiss (und soll auch noch so bleiben), es gab gegen wochenmitte überall rundherum gewitter, wir bekamen nur ein paar tropfen, einige wolken und für einen tag ein bisschen abkühlung ab. allmählich geht das wasser zum giessen aus. den tomaten im gewächshaus ist es zu warm um früchte anzusetzen (meine arbeitshypothese - nur: wie bekomme ich die töpfe aus dem gewächshaus raus? oder kann ich das ding an den ecken irgendwie aufbocken? was passiert dann, wenn es stürmt?) ich muss mich immer mal wieder davon abhalten, zu sehr den hitzerekorden nachzustudieren - insgesamt fühlt es sich halt an wie in einem roman von t.c. boyle, nur weniger verdichtet, ist ja auch nicht literatur, sondern unsere gegenwart. 

ich habe die uralte hängematte aus guatemala aufgehängt. ein bisschen ist es eine erinnerung an ein anderes leben (ich war nie in südamerika, habe sie von einem freund mitgebracht bekommen). ich muss aber erst noch vertrauen in das ding aufbauen, blöderweise kann ich sie nur an einem ort aufhängen, wo unter ihr betonplatten sind. 

am mittwoch dann ein sehr früher ausflug, bei der hitze aber sinnvoll. 

wenn man um kurz nach sechs mit dem zug hier startet, kann man um kurz vor sieben am zürichsee sein. es waren schon die ersten schwimmenden unterwegs. 

mein weg führte mich ins dorfmuseum von thalwil und dort in den rosengarten mit herrlichem blick über den see - wo wir uns gemeinsam bei einer runde yoga ent-falten konnten. 

 

das "entfalt-stündli" war teil des rahmenprogramms zur textilen installation der elysiummanufaktur, die diese aus anlass der thalwiler kulturtage geschaffen hat. (leider schon rum, deshalb keine rechte werbung mehr)  

das schreiben die macherinnen zur installation: verklemmt. klemmte, klamm, geklommen. be-, ein-, ab-, ver-, ge-, fest-, unver-, dahinter. fühlt du dich gequetscht? irgendwo steckengeblieben? zusammengepfercht? ... möchtest du dich mal wieder locker machen? wir haben alle dilemmas und vorkommnisse zum einklemmen untersucht und präsentieren: eine textile herausforderung, ein kollektives ragout und sofortige erste hilfe. 

 anschliessend gab es einen entspannungszmorgen und ich blieb einfach sitzen im garten. 

ich liess sozusagen alle pläne, noch mehr kultur zu sehen, auf knopfdruck los. 

auf dem rückweg machte ich noch halt im elliesyum - der buchhandlung der elysiummanufaktur. 


 und auf dem bahnsteig gab es kultur von thalwiler hofkunst. 

haben sie den gestrickten pfeil gesehen? ich liebe diese details! 
im zug zurück studierte ich die füdlizytig - sozusagen der intellektuelle overload zum thema verklemmungen. und dann wars auch schon mit dem entspannen vorbei (siehe oben). 

aber irgendwie wurde es auch samstag und für diesen tag war schon seit langem der jahresausflug des vereins filzszene geplant. unser ziel in diesem jahr die ausstellung "textile manifeste" im museum für gestaltung in zürich. viel organisation war diesmal nicht - ich hatte die führung gebucht, aber ein gemeinsames zmorgenessen an reservierten tischen war uns verwehrt worden. nach einem kurzen spaziergang durch den schattigen platzspitz-park (glücklicherweise packte nicht eine die alten geschichten aus dem letzten jahrhundert aus, oder sie lief so weit hinter mir, dass ich es nicht gehört habe. ja, schlimme zeiten und zustände, aber ich kanns nicht mehr hören, vor allem der wohlige grusel mit dem erzählt wird.) waren wir viel zu früh im museum und tranken unseren kaffee halt unorganisiert - später zum gemeinsamen imbiss stellten wir ein paar tische zusammen, geht doch!

die führung war spannend, für mich vor allem der aspekt der geschichte des gebäudes. die ausstellung selbst, die den anspruch erhebt, einen überblick über die textilkunst der letzten ungefähr hundert jahre zu geben, ist unglaublich dicht mit objekten bestückt. filz fehlt natürlich wieder einmal fast komplett - einzig zwei werke von stefanie salzmann waren zu sehen und fanden bei den fachfrauen wenig anklang. über andere objekte wurde fröhlich gefachsimpelt - die geduld der recht jungen führenden war wirklich bewundernswert, aber angesichts des geballten fachwissen blieb ihr auch streckenweise nicht viel anderes übrig. 


unsere führerin vor einer textilinstallation von elsi giauque. 


ich habe nur ein paar stücke fotografiert, die mich spontan beeindruckt haben - leider kann ich jetzt auch nicht mehr herausfinden, welche künstlerinnen sie geschaffen haben - überhaupt stehen bei solchen besuchen bei mir die verantwortung für die organisation und die möglichkeit mich auf die objekte einzulassen ein bisschen in widerspruch, vielleicht kann ich ja bis mitte juli noch mal einen besuch einplanen. 

auch dieser entspannungs-tag war ausserdem wieder mit arbeit garniert - als ich am spätnachmittag zuhause war und ins bädle springen durfte, war ich deshalb schon recht froh. 

samstagabend und sonntagmorgen bin ich diese woche alleine  und hoffe, dass ich jetzt die zeit bis zur ankunft von kai und allerlei zeug aus seinem elterlichen haus noch ein bisschen mit lesen und/oder recherche zur reise nach mähren im herbst nutzen kann. 

Mittwoch, 3. April 2024

noémi speiser - the manual of braiding und an annotated classification of textile techniques

seit ich ende 2010 im rahmen meiner abschlussarbeit für den bildungsgang filz damit begonnen habe, mich mit dem thema flechten auseinanderzusetzen, bin ich immer wieder auf den namen noémi speiser gestossen. oder vielleicht auch gestossen worden - wenn ich mich nämlich nicht ganz falsch erinnere, hat monika künti mich auf die textilforscherin aufmerksam gemacht. und beinahe schon so lange steht ihr erstes buch, das "manual of braiding" auf meiner bücherwunschliste. 

plakat aus der austellung in basel

nun ist in diesem frühjahr ein weiteres werk von noémi speiser erschienen, eine - oder soll ich besser sagen: die - klassifikation der textilen techniken. (freundlicherweise wurde mir die neuerscheinung "an annotated classification of textile techniques" für eine besprechung vom haupt verlag zur verfügung gestellt) 

vergrösserte skizze zu maibaumtänzen mit bändern

begleitet wurde die herausgabe des buchs von einer kleinen ausstellung in der galerie praxis in basel. leider konnte ich nicht zur buchvernissage dort sein, aber am folgenden wochenende haben wir einen ausflug nach basel unternommen, um einen blick auf die von noémi speiser hergestellten flechterzeugnisse und die ausgestellten skizzen von ihrer hand zu werfen. dabei musste natürlich auch noch "the manual of braiding" mit nach hause. 

ausgestellte beispiele von noémi speiser

und nun habe ich genügend anlass, mich einmal ein bisschen genauer mit noémi speiser und ihren beiden werken auseinanderzusetzen. zur person findet sich wenig, der wikipedia-eintrag wurde erst 2024 angelegt. 1926 als tochter des basler unternehmers ernst speiser in england geboren, kam sie bereits in den frühen 30er jahren mit ihrer familie in die schweiz. ihr vater entstammte einer angesehenen basler familie, war in leitender position für die bbc in baden tätig und politisch als ständerat aktiv. vielleicht ist die kleine noémi gar nicht so weit von meinem schreibtisch hier aufgewachsen. 

noémi speiser selbst absolvierte eine ausbildung für textilgestaltung an der kunstgewerbeschule in basel und brach eine lehre als handweberin aus gesundheitlichen gründen ab. so kam sie bereits früh in kontakt mit dem ethnologen alfred bühler, der ihr zugang zur bedeutenden sammlung von textilien im völkerkundemuseum, heute museum der kulturen in basel verschaffte. eindrücklich erzählt sie dies selbst in einem sehenswerten video, das 2018 anlässlich der ausstellung "stroh zu gold" für das museum der kulturen entstanden ist. ein bisschen bekommt man hier auch eine ahnung, wie sie an ihre forschungsobjekte herangeht. 

um einen einblick in ihre arbeit zu bekommen, lohnt es sich, das vorwort des 1983 im eigenverlag erschienenen "manual of braiding" zu lesen. (2018 vom haupt-verlag neu aufgelegt in der version von 1988).

hier erzählt sie von den 1971 begonnenen feldforschungen in japan, wo sie sich der lange ausschliesslich mündlich überlieferten tradition des "kumi-himo" widmete, indem sie einen händler solcher textilien begleitete. in den einführenden zeilen wird auch ihre grosse passion für ihr thema sichtbar. "besessen" nennt sie ihr kollege peter collingwood und hebt hervor, dass sie nicht nur überhaupt als erste sich mit den diagonalgeflecht auf einer klassifizierenden, beschreibenden und analysierenden ebene auseinandergesetzt, sondern auch das ganze zur beschreibung notwendige vokabular selbst erschaffen hat. ihr ist es zu verdanken, dass "braiding" (das deutsche flechten ist keine adäquate übersetzung) als eigene textile technik und nicht als defizitäre form des webens wahrgenommen wird. nicht nach ethnologischen kriterien und nach ihrer herkunft beurteilt sie ihre forschungsobjekte, sie sucht den überblick und findet die gleichen strukturen an vielen orten auf der welt.

in den ausführungen über die entstehung des englischen texts und das komplett mit schreibmaschine und von hand entstandene layout scheint aber auch die isolation der urheberin durch die zeilen. meinen blick auf die zahllosen, detaillierten illustrationen hat diese einführung noch einmal komplett verändert. noémi speiser will keine anleitung geben - und empfiehlt doch, das buch von vorne nach hinten durchzuarbeiten. 

im bild gut sichtbar: die von noémie speiser entwickelten "track-plans", in denen das geflecht quasi in der aufsicht dokumentiert ist

und es macht lust dazu. bereits auf den ersten seiten habe einige themen entdeckt, die mich bei der eigenen auseinandersetzung mit dem flechten immer wieder beschäftigt haben. vielleicht gibt mir das buch neuen input, mich mit lange liegengebliebenen überlegungen wieder einmal von einer ganz anderen seite zu beschäftigen. 

beim blättern - und zu mehr bin ich bisher nicht gekommen - bin ich auf ein kapitel gestossen, in dem sie ihre heransgehensweise für die analyse bereits fertiger flechtarbeiten erläutert, denn man darf nie vergessen, dass der grossteil ihrer analysen nicht aus der beobachtung des prozesses, sondern aus den rückschlüssen besteht, die sie aus den fertigen produkten gezogen hat. 

diesen analytischen blick weitet noémi speiser in ihrer "annotated classification of textile technologies" auf das gesamte spektrum textiler arbeiten aus. im vorwort weist sie hier auf die schwierigkeiten der arbeit mit stücken aus einer sammlung hin: "in a final structure the process is lost". sie selbst hatte bei ihrer feldforschung in japan das glück, beides zu bekommen: die fertigen stücke zur späteren, teils auch zerstörenden analyse, aber auch die möglichkeit zur beobachtung des entstehungsprozesses. aus einem fertigen objekt, erklärt sie, kann man zwar die struktur erschliessen, niemals aber den konkreten entstehungsprozess, denn verschiedene wege können zum selben ergebnis führen. deshalb ist es notwendig, sich immer bewusst zu sein, was man beschreibt, das objekt oder den prozess.

"fibers to threads then to textiles, cannot exist by themselves and always have to linked to the surroundings, this necessarily includes the world far away in time and space." kein textiler gegenstand existiert ausserhalb der ihn umgebenden bedingungen und kann ohne das studium derselben verstanden werden. 

 

ihre einteilung in drei überkategorien erschliesst sich (zumindest mir) nicht auf den ersten blick: 

1. arbeiten mit einem faden

2. das verarbeiten eines fadensatzes

3. das einarbeiten von fäden in einen vorhandenen fadensatz

weit tritt sie für ihre einteilung von den beschriebenen objekten zurück und diese distanz macht es, anders als im manual, manchmal schwer nachzuvollziehen, um was für eine art von textiler struktur es sich da überhaupt handelt, zumindest dann, wenn man diese wenig gut kennt. 

 

hilfreich war es für mich, einmal bis zum kapitel 1 B drawing loops through loops (schlingen durch schlingen ziehen) zu blättern. da geht es um eher vertraute techniken, das häkeln, stricken, tunesisch häkeln. die techniken haben viele  gemeinsamkeiten, zumindest aus dem analytischen blickwinkel von noémi speiser. der arbeitsfaden ist unlimitiert, während der arbeit bleibt mindestens eine ungesicherte schlinge stehen und man kann durch ziehen am arbeitsfaden das werkstück wieder auflösen. 

zum herstellen kann man die finger nutzen, oder spezielle vorrichtungen wie eine strickliesel oder ein strickbrett. bei der differenzierten betrachtung von stricken und häkeln untersucht sie dann nicht nur die notwendige körper- und handhaltung, die arbeitsrichtung und den weg des garns, sondern auch die möglichkeiten, wie die maschen weiterverarbeitet werden und wie durch varianten muster entstehen. ein erfrischender blick auf eine selbstverständlich gehandhabte technik.


bei den weniger vertrauten techniken helfen die eingestreuten "specific cases" zu verstehen, wie die einteilung in die kategorien und subkategorien erfolgt. 

die zeichnungen stammen bis auf ganz wenige ausnahmen wieder aus der hand von noémi speiser selbst und sind auf eigentümliche art und weise gleichzeitig ärgerlich vage und ungeheuer illustrativ - so kann man an manchen stellen mit den augen der zeichnenden hand und damit auf eine art auch dem denkenden und analysierenden verstand dahinter folgen. 

noch weniger als das "manual" ist die "annotated classifikation" ein arbeitsbuch, oder enthält gar anleitungen. die anziehungskraft der die objekte, prozesse und zeichnungen beschreibenden texte besteht in der distanzierten einordnung und der sprachlichen genauigkeit, die gelegenheit gibt, selbstverständliches und alltägliches neu zu durchdenken. und dabei zu erkennen, welche grossartige leistung der menschheit die vielfalt der an so viele verschiedene zwecke angepassten textilen techniken darstellt. 

vielleicht ein buch für beide: liebhaberinnen von text und textil.


Mittwoch, 29. März 2023

vom arbeiten mit und in der natur

eigentlich habe ich gar keine zeit und noch weniger lust, hier etwas über alice fox´ "wilde fasern" zu schreiben. wenn ich das jetzt trotzdem mache, dann liegt es nur daran, dass ich wirklich vollkommen begeistert bin von diesem buch, das mir der haupt-verlag zum rezensieren zur verfügung gestellt hat (danke!). aber  viel lieber wäre ich schon draussen im garten oder im wald unterwegs und würde dinge suchen und sammeln, die ich dann nach den anregungen von alice fox verarbeiten könnte. 


dabei muss ich doch tatsächlich damit beginnen, was das buch nicht ist: es ist nämlich kein anleitungsbuch. man findet darin nur ganz wenig "rezepte" um mit gesammelten pflanzen oder gefundenen resten zu arbeiten. anstattdessen weist die autorin darauf hin, dass sich im internet reichlich bebilderte und gefilmte anleitungen finden, um einen einstieg in das thema zu bekommen - und dass ansonsten vor allem das selbst-ausprobieren der beste weg ist, sich dem ungewohnten und nicht standardisierten material aus der natur anzunähern. 

exemplarisch für den anbau von flachs, das sammeln brennesseln und das verarbeiten von brombeerranken, aber auch ganz allgemein für alles andere pflanzenmaterial geht sie zwar auf die wichtigsten grundsätze der pflanzenaufbereitung ein, viel wichtiger sind ihr aber ratschläge für eine schonende sammeltätigkeit. 



den hinweis, dass man wirklich nur so viele brombeerranken "ernten" sollte, wie man frisch verarbeiten kann, habe ich mir allerdings nicht genug zu herzen genommen. die verarbeitung vom abschaben der äussersten wachsigen schicht über das klopfen der stängel bis zum abschaben des weichen inneren marks ist dermassen aufwändig, dass ich nur ganz wenige lange triebe an einem nachmittag verarbeiten konnte. der rest wanderte vorerst in die wassertonne. 

was macht denn aber nun das buch so spannend?

anstatt anleitung bietet alicia fox anregung. und da macht sie auch nicht bei den fasern halt (weswegen ich den titel ein klein bisschen verwirrend finde) - sondern verarbeitet gefundenes aus der natur, wie blätter, schalen, hülsen, aber auch steine und dinge, die eigentlich in der natur gar nichts verloren haben, wie plastikseile und andere fundstücke. und sie hat eine klare haltung. anstatt material zu kaufen regt sie dazu an, vorhandenes zu verwenden, weggeworfenes auf seine tauglichkeit zur künstlerischen weiterverarbeitung zu prüfen und ungewöhnliche eigene weg zu gehen. 


in die - nicht besonders systematischen - kapitel eingestreut finden sich portraits von verschiedenen künster*innen, die ähnlich wie alicia fox arbeiten. und man bekommt nicht nur anhand des projekts "neun steine" mit, wie konzeptuelles künstlerisches arbeiten geht. ganz ohne theorie, sondern vollkommen praktisch. gut gefallen hat mir auch die idee eine künstlermanifests.

ich schätze das buch, weil es mich immer wieder aus dem text heraus dinge ausprobieren liess: eine schnur wickeln aus den letzten resten der gladiolen vom letzten jahr. 



oder an einem besonders kalten und regnerischen tag dem ratschlag folgen, zunächst mit leicht zugänglichen oder im überfluss vorhandenen materialien zu "üben". so ist bei mir aus einer zeitungsschnur, an der ich das drehen von schnüren geübt habe, eine kleine wulstgewickelte schale entstanden. 



auf den garten schaue ich auch mit anderen augen: während nebenan mit akribie der löwenzahn aus dem rasen gestochen wird, kann ich es kaum erwarten, die langen stängel zu ernten und sie auf die gezeigte art zu verflechten. ob dafür vielleicht auch die stängel der osterglocken taugen? 

und was ist eigentlich mit dem brombeerranken passiert? nach einer guten woche im regenbottich sind sie "gerottet". anstelle zu flachen spanartigen streifen zerfallen die ranken beim klopfen zu einzelnen fasern - die ich zu kleinen seilen drehen kann. ich glaube, das wird ein spannender gartensommer! 



Donnerstag, 2. April 2020

frühlingspost 2020 - flora und fauna

mit gemischen gefühlen habe ich in diesem jahr die vorankündigungen für die frühlingspost des postkunstwerkblogs gelesen. ich war mir nicht so sicher, ob ich wirklich zeit und musse finden würde, um etwas zu machen, ausserdem wollte ich auf keinen fall material kaufen, da wir immer noch am reduzieren des vorhandenen sind. und dann war ja da auch noch die reise, die wir im april antreten wollten. 

aber schablonendruck auf stoff, das wollte ich auf keinen fall verpassen. das thema schien mir weit genug, um sicher eine idee zu haben. also meldete ich mich an und es fügte sich alles ganz wunderbar: in der garage fand ich einen alten bettbezug, den ich färben konnte, der sohn brachte reichlich siebdruckfarben und bat darum, diese zu verbrauchen und die überall aufblühenden japanischen zierkirschen lieferten inspiration. und als ich prompt eine der reisewochen zugeteilt bekam konnte ich problemlos auf eine andere woche tauschen.


zuerst aber musste ich doch einkaufen: stofffarbe zum färben des bettbezugs. und obwohl der stoff fast doppelt so viel wog wie auf der packung angegeben, wurde das ganze sehr pink. kein zartes pastell, sondern bonbonknallig, getrocknet zwar dann schon weniger, aber immer noch dunkler als gedacht.


erste probeschablonen und -drucke entstanden anfang märz. die blütenblattform stimmte aber noch nicht und farblich war ich auch noch weit von zufrieden entfernt. ton in ton funktionierte zwar einigermassen, aber um auf dem relativ dunklen stoff zu drucken brauchte ich noch dunklere farben und das ergebnis entfernte sich immer weiter von meiner duftig-leichten inspiration. 
also bat ich den sohn auch noch um weisse farbe.


 und begann mit dem grossen mischen.



mittlerweile mit kirschigeren schablonen druckte ich mich so langsam an das gewünschte ergebnis heran. und weil ich meine filzwerkstatt für besucher wegen der massnahmen gegen die corona-pandemie schliessen musste, hatte ich plötzlich ganz viel platz. ich druckte auf beiden tischen gleichzeitig und verteilte in schichten kirschblüten in gross und klein.


und da bei uns in der schweiz ausser lebensmitteln nichts mehr eingekauft werden kann, blieb es auch bei den karten und umschlägen beim motto"use what you have".


nun hat sich die post am vergangenen freitag auf die reise gemacht und heute, donnerstag, habe ich die ersten meiner stoffe bei instagram gesehen, sie sind also gut in deutschland angekommen. und ich bin gespannt, wie es in der kommenden woche weitergehen wird.
es ist so schön, dass es diese aktion gibt!
ein ganz herzlicher dank geht darum zu tabea und michaela, die die organisation übernommen haben. auf ihrem gemeinsamen blog "postkunstwerk" könnt ihr wieder verfolgen, was da alles zusammenkommt an kreativen bearbeitungen des themas flora und fauna.

und nun erlaube ich mir noch, meinen pinken stoff, den ich im vergleich zu anderen auch noch recht flächig bedruckt habe, auch noch zum mittwochsmix im april zu schicken - einfach weil das gerade so gut passt.

Mittwoch, 29. Januar 2020

28. januar 2020 - mein beitrag zu mittwochsmix weiss/linie

(für alle, die wegen des mittwochsmix hier sind: nach dem tagebucheintrag folgt der beitrag zum mustermix!) 

normaler morgen ohne grosse vorkommnisse, so dass ich wieder einmal vor neun in der werkstatt war. dort unmittelbar damit begonnen, die gestrigen überlegungen und planungen in die tat umzusetzen: das nicht sehr grosse kissen füllt den ganzen arbeitstisch aus. schön, wieder einmal eine grosse fläche auszulegen und dank der vorbereitungen auch gut am vormittag machbar. 

über mittag nach hause, zum mittagessen reste und die zwei cervelats, die wir am montag vergessen hatten in die erbsensuppe zu schneiden. 

kurze pause, dann wocheneinkauf. vielleicht ist der dienstag als einkaufstag doch nicht so praktisch, meistens fehlt dann aufs wochenende doch noch einiges. zuhause telefonat mit meiner mutter, dann kurze mathelektion mit der tochter. sie kocht dann nudelsalat für mittwochabend und zum mitnehmen in die schule über mittag. ich stricke ein wenig, der sohn kommt nach hause, ich koche eine rande aber der dampfkochtopf will nicht so recht, kai kommt nach hause, der sohn kocht, ich bügle. 

dann gibt es abendessen: pfannkuchen mit rande, ziegenfrischkäse, frühlingszwiebeln und nüsslisalat. sehr lecker. den restlichen abend auf dem sofa verbracht. 

gelesen: alle tage
gehört: der stechlin (hatte ich vor weihnachten schon mal angefangen, jetzt einfach irgendwo wieder eingesetzt, hat halbwegs gepasst)
gesehen: der messiah (wird das noch spannend? bekommt das noch irgendeinen bisher nicht absehbaren dreh in der geschichte?)

***

und hier dann noch mein beitrag zum mittwochsmix weiss/linie bei frau müllerin  und bei frau nahtlust:

ich habe das thema in meinem medium - filz - umzusetzen versucht und dabei altbewährtes und versuche gemischt.
als anregung diente mir ein katalog zu einer ausstellung von vera molnar, mit der ich mich aus diesem anlass ein bisschen intensiver beschäftigt habe. endlich ist auch die cd-rom mit aufnahmen ihrer skizzenbücher von 1976 bis 2003 angekommen, da habe ich nun wirklich reichlich material.


zu den entstandenen filzarbeiten:

 - rechts unten: ein stück weisses garn, in eckigen spiralen auf schwarzem kammzug. da das garn nicht im gleichen mass wie die wolle beim filzen schrumpft, umspielt es die linie.

- mitte: ganz anders verhält sich der auf grauen kammzug aufgelegte mullverband, er schrumpft in sich, die linie bleibt klar. aber sie ist so breit, ist das überhaupt noch eine linie? oder liegt es nur am grössenverhältnis? die linie ist eine fläche, es sei denn, sie dehnt sich nur in einer richtung aus, aber dann ist sie nicht sichtbar.

- links oben: die linie umschliesst eine fläche. (technisch gleich wie rechts unten) 

- rechts oben: die dunklen linien sind ganz anders entstanden als die hellen. im grunde genommen sind es schnittkanten, die durchtreten und so eine linie ergeben. ein schöner kleiner trick beim filzen.


zuerst wird eine fläche gefilzt: eine seite weiss, die andere schwarz. die fläche wird halbiert und dann in streifen geschnitten, regelmässige oder wie hier, unregelmässig kurvige. anschliessend werden die beiden zerschnittenen flächen ineinandergewoben. beim filzen dringen die geschnittenen schwarzen fasern durch die weisse fläche nach oben und bilden die sichtbaren dunklen linien auf weiss (oder eher... grau.)

schön war es, die anregungen des mittwochsmix aufzunehmen und mit meinen eigenen mitteln zu erkunden. die linie stand bei mir ganz klar im vordergrund, das weiss sorgte eher für klarheit und einheitlichkeit innerhalb der entwürfe. entstanden sind filzproben, keine fertigen stücke, aber mindestens eine probe wird weiterverfolgt und zu einem sofakissen. allerdings nicht in weiss.

das nächste thema wird tropfen und zahl sein ...



Donnerstag, 26. September 2019

die badende

vielleicht wartet ja die eine oder andere auf die fortsetzung des vorletzten posts zum turkmenischen filzen. hier geht es also weiter mit der badenden. sie hatte den recht imposanten durchmesser von 100 cm, also nicht sie alleine, sondern der teppich, den sie ziert. da komme ich schon ziemlich an die grenze dessen, was ich auf einem tisch auslegen kann.


 hier haben gerade die farbigen teile des bilds eine weitere schicht bekommen - mit absicht habe ich einen etwas dunkleren ton für haare und haut gewählt, für den badeanzug dafür einen helleren, mit mehr grünanteilen. ich habe nicht das gefühl, dass viel davon durch die oberste schicht aus kammzug gedrungen ist, aber genau lässt sich das ja nie sagen.


 so jedenfalls sah die badende nach dem ersten wenden aus.
um einen schönen rand zu bekommen hatte ich mich dazu entschieden, die deckschicht auf den rücken umzulegen, und dabei noch kurz darüber nachgedacht, ob das wirklich eine schlaue idee wäre, denn irgendwie kam es mir so vor, dass dabei sehr viele fasern der obersten schicht rechtwinklig zum rand verliefen und durch das umschlagen einer besonderen verkürzung beim anfilzen ausgesetzt sein könnten.


 tatsächlich ist das auch so. wenig schön, hat es vor allem an den stellen, an denen das bild nahe am rand endet, die oberste schicht des hintergrund von den die figur umgebenden linien zurückgezogen. das war vor allem an den ellbogen ...


 und an den pobacken der badenen der fall. hier wurde also ein bisschen extraarbeit notwendig. geduldig habe ich zunächst mit der filznadel fixiert und dann lange in die richtige richtung massierend die lücken geschlossen. sie sind beim fertigen teppich nun kaum noch zu sehen.

trotzdem würde ich den rand in zukunft bei einem solchen filz nicht mehr umlegen - gibt es doch andere möglichkeiten, ihn gleichmässig schön hinzubekommen.


 ein weiteres problem war die resteverwertung der gotlandwolle. ich und das gotlandschaf werden wohl in diesem leben keine freunde mehr werden. da sind zum einen die haare, die überall durchdringen und der badenden eine heftige ganzkörperbehaarung beschert haben. dazu kommen noch viele, viele fasern, die nicht dauerhaft im filz haften bleiben wollen, einfach mal durch ihn hindurch wandern und beim walken in rauhen mengen auf dem boden der werkstatt und auch sonst überall landen.


nun muss die badenden einfach noch in den schönheitssalon, dauerhafte haarentfernung auch in körperfernen regionen ist für sie angesagt.
für diesen zweck habe ich mir übrigens anstatt der einmalrasierer einen rasierhobel bestellt, den ich mit normalen rasierklingen bestücken kann. ich bin gespannt, ob das gut funktioniert und werde berichten. ein bisschen kann man schon am kopf und im winkel des rechten arms sehen, dass da noch einiges zu retten ist. leider waren dann alle einwegrasierer stumpf und so werdet ihr die badenden hier vielleicht noch ein drittes mal sehen.

Donnerstag, 19. September 2019

arbeit und alltag

unter der woche laufen die tage alle ähnlich ab, morgens fahre ich in die werkstatt, arbeite ein paar stündchen, dann nach hause, gemeinsames mittagessen mit der tochter und nachmittags sortiere ich dinge aus. bücher, bastelmaterial, collagenpapiere, stoffe, kurzwaren, wolle, bücher und so weiter. was nicht wegkommt wird eingepackt für den umzug. 

das wetter ist immer noch spätsommerlich schön, allerdings morgens und abends nun durchaus mit einem stich ins herbstliche, so dass ich seit ein paar tagen mit pullover und socken in die werkstatt radle. die kurse laufen noch nicht so richtig an, das wetter ist zu schön, oder zu viel los, jedenfalls habe ich meine werkstatt für mich alleine und nutze sie. 

aus heiterem himmel kam anfang september das thema turkmenische filze wieder auf die tagesordnung, und zwar zunächst in form des zweiten klee-entwurfs, darüber schrieb ich ja bereits.


 hier noch einmal das ausgelegte tier.


 ganz mutig teilweise in einer wollseidenmischung gefilzt, mit einem leichten glanz deshalb in der oberfläche.



fertig schaut er natürlich in die andere richtung - das mag ich gerne an der technik, das bild, das mir vertraut ist auf eine besondere weise, weil ich mich lange damit beschäftigt habe, weil ich es im nachbilden zu durchdringen versucht habe, schaut mich dann spiegelbildlich noch einmal ganz anders an. kennt ihr das auch? ein vertrautes zimmer im spiegel wirkt plötzlich fremd, verwirrend auch immer wieder die frontkameraansicht des smartphones, weil gespiegelt oder nicht gepiegelt, jedenfalls anders, distanzierter.
das "geht vorüber" ist übrigens schon verkauft.


ein paar tage später habe ich ein weiteres bild in turkmenischer technik begonnen. diesmal eine art ethnologisches muster, die anregung dazu gefunden in dem hervorragenden buch zum thema design von gunnar sneum. was ich nicht vorhergesehen hatte: wie viele anschlüsse, wie viele kleine flächen da auszuarbeiten sein würden.


 und zwar wirklich kleine flächen. mit dem kammzug einmal über kreuz gab schlussendlich so insgesamt sechs schichten.


 und dementsprechend lange hat das ganze dann auch gedauert. zumal ich mich ja auch bei der fläche wieder um jedes einzelen element herumarbeiten musste. die bastmatte hat übrigens sogar das nasse herumliegen übers wochenende gut überstanden.


auch hier wieder der grosse augenblick, das erste wenden. 


 im fertigen zustand dann noch etwa 140 cm auf knappe 30 cm. (ausgelegt 200 cm / 45 cm)


und immer noch nicht genug von den turkmenen. noch einmal habe ich einen ball dunkle schnur vorbereitet und die bastmatte ausgerollt. orientierungsmarken bringe ich mit stecknadeln direkt auf der matte an, am besten man zählt die nadeln, dann kann man sich sicher sein, dass man vor dem rollen auch wirklich alle entfernt hat.


 es entsteht diesmal ein symmetrisches muster - oder schon eher ein bild? ahnt schon jemand was das geben soll?


 aber jetzt ist es klar?


 oder doch erst jetzt?


so weit war ich gestern, als ich die werkstatt um kurz vor zwölf verlassen habe. kontur und die erste schicht der farbigen flächen sind ausgelegt.
heute habe ich dann den "hintergrund" hinzugefügt und mich langsam, schicht für schicht auf teppichdicke vorgearbeitet. dabei kann ich immer wieder auch reste verarbeiten, so hat der teppich eine letzte dünne schicht aus gotlandwolle im rücken bekommen, die ich ungern solo verarbeite, aber ganz gerne noch für effekte nutze.
nun geht es morgen mit dem anfilzen weiter - während der offenen werkstatt.