in diesem jahr unterbrechen wir unsere reise nach prag nicht
nur für ein bier in münchen, sondern gleich für zwei nächte. nicht weil die
anschlüsse in deutschland so unsicher geworden sind, sondern weil wir uns das
sudetendeutsche museum, das an verschiedenen stellen so gelobt wurde, selbst
einmal anzuschauen.
aber zuerst werden wir wieder einmal auf einem neuen weg durch den münchner
hauptbahnhof geleitet.
eigentlich auch ganz hübsch, die beschriftung dürfte aus den 50er stammen, sonst sah man sie nicht. wir holen uns gleich noch im reisezentrum platzreservierungen für die weiterfahrt mit der kleinen privatbahn, die uns zwei tage später nach prag und am monatsende zurück nach münchen bringen soll. keine ahnung, warum es mir nicht gelungen ist, diese sitzplätze online zu buchen, aber am reisetag wird sich die reservierung noch als wichtig erweisen.
zu unserer unterkunft sind es nur zehn minuten - wir können trotz unserer frühen ankunft (kurz nach 14 uhr) gleich unser appartement beziehen. halten uns aber gar nicht lange auf, wir haben pläne.
das wetter war für die beiden tage in münchen eher regnerisch angesagt, und so sind jetzt unsere pläne halt schlechtwetterprogramm, aber nun scheint die sonne und wir können gut zu unserem ersten ziel, dem karl-müller-volksbad, zu fuss gehen und zwar quer durch die münchner innenstadt. das jugendstilbad liegt gleich neben dem deutschen museum an der isar.
wir nutzen die zeit nicht nur zum schauen, sondern auch zum schwimmen - allerdings ist das becken für richtiges schwimmen eher weniger geeignet, zwar sind zwei bahnen für sportschwimmen abgetrennt aber auf der einen seite ist die wassertiefe so gering, dass man ganz vorsichtig wenden muss, demit man sich nicht die zehen anschlägt.
kurz vor fünf verlassen wir das bad und brauchen dringend einen kaffee, wir landen gleich gegenüber vom schwimmbad im "rosi" - ok, vor allem weil wir nach dem schwimmen echt durstig sind.
anschliessend gehen wir über die museumsinsel zurück in die innenstadt, in der nähe des sendlinger tors finden wir eine indische gaststätte und essen dort zu abend. danach sind wir dann auch müde genug, um uns auf unser appartement zu freuen.
am anderen tag muss ich früh fit sein - ich habe meine tschechischstunde nicht verschoben (auch nicht verschieben können, meine lehrerin scheint lange sommerferien zu machen, sie hat zwar informiert, aber die info passt nur teilweise zu den blockierten zeiträumen...), also übe ich von halb acht bis acht tschechische verben.
danach machen wir uns fertig für den tag - frühstück gibt es unterwegs, wieder beim sendlinger tor, im café vollath. unser weg wäre wieder der gleiche wie am vortag gewesen, deswegen machen wir heute einen bogen nach süden, über den alten südfriedhof.
vor dem friedhof - von weitem wirkte die matratze in dieser umgebung täuschend echt, sie ist aber eine bronzeplastik. schade, dass wir keine hinweise zu künstler und titel finden.
auf dem alten südfriedhof sind eine ganze menge bekannter menschen begraben - wir lassen uns treiben und suchen nicht nach bestimmten grabmalen.
mehr per zufall und wegen der schönen storchenschnäbel habe ich dieses grab fotografiert.
und später erst beim bearbeiten der bilder die inschrift gelesen - ja, das mit der religiösen toleranz ist noch nicht so alt.
amseln hats auch.
dieses grabmal war sicher ende des 19. jahrhunderts sehr modern - vielleicht aber wurde das landschaftsrelief auch erst später angebracht.
zwischen dem nördlichen und dem südlichen gräberfeld verlassen wir den friedhof und überqueren den westermühlbach, wir halten uns grob richtung isar, mein ehrgeiz wäre gewesen, ohne einen blick auf die karte auszukommen, aber irgendwann haben wir uns in den vielen strassen verheddert und brauche ein bisschen hilfe, um die wittelsbacherbrücke zu finden, auf der wir die isar überqueeren um anschliessend in richtung nordosten durch die auen zu laufen.
das ist jedenfalls nicht die frauenkirche.
aber der turm gehört wieder zum deutschen museum. auf der höhe des deutschen museums biegen wir in richtung auer mühlbach ab, steigen die böschung hinauf und stehen dann vor dem eigentlichen ziel des tages, dem sudetendeutschen museum.
eine etage tiefer geht es um die wirtschaft in den sudetendeutschen gebieten - vom bergbau über textil- und glasindustrie und über viele andere industriezweige wurde hier alles abgedeckt, was die menschen brauchten oder exportieren konnten.
die zweisprachigkeit ist auch ein thema - mitgenommen habe ich, dass es familien gab, die kinder untereinander austauschten, damit sie beide sprachen lernten, was mich an die praxis erinnerte, dass viele deutschschweizer früher eine zeit in der französischsprachigen schweiz verbrachten, um die andere landessprache zu lernen. aber auch, dass viel weniger deutsch sprechende menschen tschechisch lernten als tschechisch sprechende deutsch konnten. kulturell dominierte die deutsche sprache - auch weil sie durch die östereichisch-ungarische regierung die sprache der behörden war.
die einigermassen friedliche koexistenz beider sprachen endete bereits im aufkeimenden nationalismus des neunzehnten jahrhunderts. von der vorherrschaft der habsburger befreiten sich böhmen und mähren mitsamt der slowakei durch die gründung eines staates 1919 - woran die dominierende deutschsprachige minderheit zunächst nicht beteiligt war. in den zwanziger jahren gab es versuche des ausgleichs, aber spätestens das aufkommen der sudetendeutschen vereine und parteien und vor allem der nsdap-nahen henlein partei nach der weltwirtschaftskrise führten immer mehr zu einer konfrontation.
satirisch bearbeitete man das thema auf beiden seiten - es dürfte aber bald niemandem mehr zum lachen zumute gewesen sein. (auf tschechisch steht da: zum gedenken des 20. jahrestags der gründung der tschechoslowkischen republik: wir hatten 1000 jahre keine angst. Wir fürchten uns auch heute nicht.)
das münchner abkommen und die deutsche besetzung von böhmen und mähren, die verfolgung von tschechen, politischen gegnern, die deportation von juden und roma waren die konsequenz.
auf den beiden untersten etagen geht es dann um die systematische vertreibung der deutschsprachigen bevölkerung nach der beendigung des zweiten weltkriegs und der gründung der zweiten tschechoslowakischen republik und um die aufnahme der vertriebenen in allen teilen deutschlands - sowie um die bewahrung des andenkens an die alte heimat in den sudetendeutschen heimatvertriebenenverbänden.
nach vier stunden nicht ganz unanstrengendem museumsbesuch nahmen wir abschliessend dieses zitat von vaclav havel mit. toll, dass es dieses museum gibt. ich fühlte mich gut informiert - allerdings immer auch unter prämisse, dass man die trägerschaft der ganzen veranstaltung mitdenkt. das hört sich vielleicht stärker nach tendenz an, als sie im museum vorhanden ist. eine einzige wahrheit gibt es aber auch in diesem fall vermutlich nicht.
im anschluss an den museumsbesuch war kaffee und kuchen wieder dringend notwendig, auch wenn der nachmittag schon deutlich fortgeschritten war.
diesmal reichte es vor dem abendessen noch für einen zwischenstop im appartement, danach spazierten wir zum lindwurmstüberln und assen dort ein halbes hendl mit pommes frites - und schafften anschliessend sogar noch den weg zurück.
eine weitere nacht verbrachten wir noch in münchen, am anderen tag fuhr unser zug erst um viertel vor elf nach prag.






