am dienstag brauchten wir einen ruhetag. den verbrachten wir mit frühstücken in einem schattigen innenhof, dann mit besorgungen: die weingläser, die wir schon im letzten jahr kaufen wollten, sind jetzt gekauft und ganz, ganz gut verpackt für die heimreise im zug und ich habe die riesige post am wenzelsplatz benutzt um zwei postkarten aufzugeben, was allerdings so schnell ging, dass ich keine zeit hatte, die wunderschöne schalterhalle zu geniessen. und weil beides so schnell gegangen war, waren wir zuerst ein bisschen überfordert, was mit dem rest des tages anzufangen wäre, fuhren dann aber zum botanischen garten und setzten uns in den schatten und anschliessend in eine gastwirtschaft nebendran.
nach einer mittagspause im appartement brachen wir erst wieder gegen spätnachmittag auf - es ist wirklich heiss und auch wenn die stadt natürlich keine siesta macht, machen wir das, wir sind schliesslich im urlaub hier.
mit sandwiches und gekühlten getränken ausgestattet fuhren wir zum petřin - allerdings mit umwegen. eigentlich führt einen standseilbahn auf den berg mit dem kleinen eiffelturm, die war schon im letzten jahr ausser betrieb, aber unser schon sehr auf schweizer verhhältnisse getrimmtes hirn konnte sich nicht vorstellen, dass man so eine touristenattraktion länger als eine saison stillstehen lässt. ist aber halt doch so. also stattdessen mit tram und bus zum stadion, von dort durch die olympiasiedlung (wann gab es olympische spiele in prag?) und den rosengarten zum turm.
eine tolle aussicht, und eigentlich ein ruhiger ort, wäre da die englisch sprechende reisende nicht gewesen, die zunächst mit ihrer begleitung ihre essgewohnheiten diskutieren und anschliessend mit einer verwandten in beziehungskrise telefonieren hätte müssen. das tschechische bier hatte ihr auch schon ein bisschen sehr gut geschmeckt...
auf dem rückweg von der kleinseite aus nahmen wir eine strassenbahn, die uns noch eine grosse runde durch verschiedenen stadtbezirke fuhr - so kann man auch viel von der stadt sehen.
am mittwoch starteten wir wieder durch, was das touristenprogramm angeht. also mehr ich, denn kai hat sich für die besichtigung des veitsdoms ausgeklinkt. wir frühstückten früh, dann nahm ich metro und tram bis kloster strachov und ging bergab zum haupteingang der prager burg.
kurz nach neun war es dort noch recht leer und ein putzwagen besprühte das pflaster mit wasser.
ganz ohne schlange kam ich in den dom.
so ganz leer war der allerdings auch nicht mehr.
zuerst ärgerte ich mich ein bisschen, dass es absolut keine zugänglichen sitzgelegenheiten gab, um in ruhe die riesige kirche wirken zu lassen, und der weg durch das kirchenschiff mit seilen abgetrennt und so strikt vorgegeben war. mein plan mir in ruhe im reiseführer nach und nach informationen zu holen ging so nicht auf.
dann aber liess ich mich einfach auf die atmosphäre zwischen den reisegruppen ein, nahm mir den notwendigen raum und auch die zeit zum fotografieren - wobei sich der schwerpunkt ein wenig auf die menschen in der kirche verschob.
dort im umgang um den altar befindet sich auch das grab des heiligen veit (kaum beachtet) und des heiligen johannes von nepomuk, dem eigentlichen hauptheiligen in böhmen.
nur hat man beim aufstellen dieses monuments nicht mit solchen besuchermassen gerechnet - es staut sich also regelmässig vor dem nepomuk und alle müssen einzeln an ihm vorbei.
die legende des erst im 18. jahrhundert heiliggesprochenen priesters macht ihn zum beichtvater der königin - der gemahlin von könig wenzel iv. diese wurde von ihrem mann der untreue bezichtigt. johann nepomuk sollte die beweise liefern, er aber blieb standhaft, berief sich auf das beichgeheimnis und wurde dafür von der karlsbrücke in die moldau gestürzt. tatsächlich stand hinter dem gewaltsamen tod durch ertränken (eine im 14. jahrhundert durchaus gängige art der bestrafung) ein politischer grund: in der zeit des kirchenschismas kam es zu konflikten zwischen klerus und krone um die abgrenzung weltlicher und kirchlicher machtbereiche in böhmen, vor allem um die ernennung von bischöfen und übertragung hoher ämter. rund um eine abtswahl kam es zum eklat und da der erzbischof und kanzler wenzels fliehen konnte, verurteilte man den generalvikar nepomuk zum tod durch ertränken.
gleich nach dem grab des nepomuk steht man unter dem balkon, von dem aus die böhmischen könige, so sie denn auf der burg weilten, den gottesdiensten beiwohnten.
ein blick in den chorraum verrät, warum das nur selten der fall war: da gab es halt auch noch so viele andere gegenden in europa und der restlichen welt, die zu ihrem einflussbereich gehörten - die wappenliste zieht sich um den ganzen chor.
bewundernswert das paar, das inmitten von all dem trubel vor der kapelle zum heiligen wenzel betete.
pravda viteži oder die wahrheit siegt ist das motto des tschechischen und vorher tschechoslowakischen staats seit der unabhängigkeit von österreich-ungarn im jahr 1918 - es erinnert einerseits an jan hus wahrheitsbegriff und wurde von der charta 77 wieder aufgenommen - die wahrheit siegt für die, die in der wahrheit leben.
der platz vor dem dom hatte sich mittlerweile gut gefüllt und auch die warteschlange war deutlich länger geworden.
auch die keramikarbeiten von edmund de waal, josef koudelkas fotografien von der mauer zwischen israel und dem westjordanland, die riesigen füsse von magdalena jetelova und die arbeiten von anselm kiefer und joseph beuys waren in ein spannendes verhältnis zu den wertvollen alten gegenständen gesetzt.
manches, wie auch ingeborg bachmanns gedicht böhmen liegt am meer, auf das sich kiefer hier bezieht, wird man nachlesen müssen.
und dann war da noch die bibliothek des mittelalterhistorikers franz machilek mit einer flammenden verteidigung der bibliothek als schatzkammer und bild:
Im Zeitalter der Wikipedia-Weisheit und des Aufstiegs der künstlichen Intelligenz sind Bibliotheken an sich schon ein enormes kulturelles Gut; tatsächlich werden sie in nicht allzu ferner Zukunft wahrscheinlich als wertvolle Relikte einer vergangenen Ära angesehen werden. Denn jedes Buch – und jede Bibliothek – erzählt ihre eigene Lebensgeschichte, beginnend mit den ursprünglichen Gedanken des Autors, über die wirtschaftlichen Motive des Verlegers bis hin zum Erwerb durch den Käufer und der Platzierung an einem bestimmten Ort im Bücherregal. Es ist wichtig, solche Kulturgüter in ihrer ursprünglichen Form zu bewahren, denn der Reichtum der Vergangenheit und die vielfältigen Möglichkeiten, sie zu verstehen, liegen im Original verborgen – und das gilt auch für Bücher und Bibliotheken.
was auch hierher gehört: die toilette im untergeschoss der übrigens recht dürftig besuchten reitschule - vor allem wenn man an die menschenmassen drüben im dom denkt...
belohnt wurden wir aber mit der vorbeifahrt einer alten strassenbahn - tatsächlich sind die aber noch massenhaft im dienst und man halt viel gelegenheit auch damit zu fahren.