vor den sommerferien habe ich mich noch mit lesestoff in der bibliothek versorgt.
wobei, den kurkow hatte ich hier schon ein bisschen länger liegen. ich mochte den roman "graue bienen" vom gleichen autor und bin mir nicht mehr ganz sicher, ob nicht schon dort das abgetrennte ohr, das nun unabhängig von seinem ehemaligen träger das gehörte vom jeweiligen aufenthaltsort des ohrs übermittelt, bereits dort vorkam. absurd genug, es sich zu merken und nicht erfunden zu haben.
andrej kurkow, samson und das galizische bad
der roman spielt kurz nach dem ende des zarenreichs, noch ist nicht so ganz klar, wer in zukunft das politische sagen haben wird, verschiedene ordnungsmächte konkurrieren und in dieser unruhigen zeit soll samson, ein polizist der neuen sowjetmacht, einen kriminalfall mit gleich 17 verschwundenen rotarmisten aufklären. wie ihm das gelingt ist weniger spannend als witzig zu lesen.
michelle minelli, der garten der anderen
lilli klingelt recht unbedarft bei dem von ihr verehrten gartenbuchautor noah berger, wird aber ein ums andere mal von dessen zweiter frau sonja abgewiesen. sie darf zwar im garten helfen, aber dem autor kommt sie keineswegs näher - da beginnt sie eine geschichte über den autor und seine frau zu schreiben. was ist daran realität, was fiktion und was macht eigentlich das leben von lilli selbst, die zu ihrem freund aufs land gezogen ist, aber mit dieser entscheidung hadert.
irritierend fand ich die verschiedenen ebenen mit sehr ähnlichen geschichten, in denen ich mich anfangs nicht ganz zurechtgefunden habe, da auch die namen der handelnden personen verändert werden. auch der titel scheint mir nicht so schlau gewählt: bis fast zum schluss las ich im genitiv einen plural und konnte wenig damit anfangen, erst am ende war mir klar, dass es sich um die weibliche einzahl handelt...
trotzdem gerne gelesen, die beschreibung der beziehungen zwischen den menschen haben etwas in mir angerührt.
therese bichsel, das jahr ohne sonne
ich habe bereits einige bücher von therese bichsel gelesen - und weiss inzwischen, dass ich das nicht tue, weil ich ein literarisch ausgefeiltes werk erwarten kann, sondern weil therese bichsel spannende geschichten aus der schweizer geschichte oder aus der weltgeschichte aus schweizer sicht zu erzählen weiss.
auch das jahr ohne sommer war mir ein begriff - ein vulkanausbruch im april 1815 in indonesien und weitere wetterphänomene trugen dazu bei, dass die zeit von 1810 bis 1820 zur kältesten periode der letzten 500 jahre wurde. vor allem im sommer 1816 kam es zu nachtfrösten und schneefall auch im sommer bis in tiefe lagen und langen regenperioden mit überschwemmungen. die dadurch verursachten ernteausfälle führten zu teuerung und hungersnöten, kein land in europa war davon so schwer betroffen wie die schweiz.
mit hilfe von chroniken aus der zeit und anhand von drei einzelschicksalen erzählt therese bichsel aus dieser zeit und bleibt dabei seltsam eindimensional. es regnet, es friert, die ernte verdirbt, man hat nichts mehr zu essen. zuerst bei den ärmeren bauern, dann triffte es auch reichere familien, die sich zuerst noch mit dem zukauf von lebensmitteln über wasser halten können. dabei lässt uns das buch ganz in der zeit der handlung: es gibt kaum hintergrund (die sache mit dem vulkanausbruch hat man erst ein jahrhundert später mit der kälteperiode in verbindung gebracht) weder was die ursachen des wetterphänomens angeht, noch auch wird das problem der wirtschaftskrise im textilbereich oder der fehlenden koordination von massnahmen seitens des staates thematisiert. (lohnenswert dazu der wikipedia-artikel)
am ende habe ich mich durch die letzten seiten gequält, aber es wollte und wollte nicht besser werden. zumindest damit hat frau bichsel vermutlich das gefühl der damaligen zeit getroffen.
iris wolff, lichtungen
habe ich mit grossem vergnügen gelesen. lev und kato treffen sich in zürich - aber ihre gemeinsame geschichte beginnt viele jahre vorher im rumänischen siebenbürgen. bereits als kinder sind die beiden ganz unterschiedlich, kato will in die welt hinaus, während lev an allem hängt, was ihm heimat gibt. aus ganz alltäglichen dingen (mit einem guten einblick in sozialistische lebenspraxis) schafft iris wolff eine ausgesprochen poetische erzählung mit liebevoll gestalteten figuren. ich hätte gerne weitergelesen - und ist das nicht das beste, was man von einem buch sagen kann?

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