hermann kant, die aula
habe ich im erzgebirge in einer alten ddr-ausgabe aus dem bücherschrank gefischt. vom titel her bekannt, zumindest so weit, dass ich sagen konnte, dass es eines der wichtigeren bücher der ddr-literatur ist, stand der roman auf einer art leseliste in meinem kopf.
mit relativ wenig vorwissen startete ich die lektüre, erinnerte mich nur vage daran, dass kant nach ende der ddr irgendwie (also vermutlich im zusammenhang mit stasi-tätigkeit) in der kritik stand.
ganz so lange brauchte es nicht, bis mir klar war, dass da ein autobiographischer hintergrund besteht, dass also der protagonist robert iswall ein bisschen auch kant ist.
die handlung ist übersichtlich - der literaturkritiker iswall erhält anfang der sechziger jahre den auftrag zur schliessung der arbeiter und bauern-fakultät an der er selbst mit 23 jahren und nach der rückkehr aus der kriegsgefangenschaft sein abitur nachgeholt hat, eine rede zu halten. seine recherchen führen ihn nicht nur ins archiv, sondern auch zu einigen mitschülern, mit denen ihn das gemeinsame internatszimmer mit dem namen "roter oktober" verbindet. viele davon haben karriere gemacht - auf ganz unterschiedliche weise. nicht alle sucht er nur zu recherchezwecken auf, gegenüber einem ehemaligen mitschüler plagen ihn auch schuldgefühle.
die handlung ist so auf zwei miteinander verschränkten zeitebenen angesiedelt - der gemeinsamen zeit im internat und der zeit der recherche. speziell fand ich von anfang an den eher lässigen, lakonischen ton, der das jugendliche engagement der studenten für den sozialistischen klassenkampf oftmals ironisiert und keine strahlenden sozialistischen helden, sondern eher sehr echte, teils gebrochene figuren erschafft. ich fragte mich, wie das in der ddr-veröffentlichungspraxis ankam. immerhin macht es das buch ein bisschen lesbarer - ganz einfach fand ich sprache und haltung nicht.
aber kant schafft es durchaus auf der zwischenmenschlichen ebene spannung aufzubauen und überrascht seine leserinnen mit unerwarteten plottwists und entwicklungen der figuren.
mit der lektüre habe ich nicht nur eine lücke in der literaturrezeption gefüllt, sondern streckenweise auch richtig spass gehabt.
die aula hatte ich auf meiner reise nach frankfurt dabei - weil mich eines der auf der messe erworbenen bücher sehr interessierte, las ich zwischendurch
jonaš zbořil, flora
den anfang der geschichte hatte ich auf der buchmesse gehört - und er hatte mich neugierig gemacht auf die geschichte von adam und sara, die nach einem nicht ganz harmonisch verlaufenen abend am rande einer innerstädtischen brache, die beharrlich als steppe bezeichnet wird und die zwischen autobahnen und güterbahnhof gelegen, alles aufnimmt, was die gesellschaft nicht mehr braucht, ein wesen zwischen künstlich und lebendig finden. kein kind, keine bekannte spezies, aber für die beiden, die ein unerfüllter kinderwunsch plagt, eine willkommene gelegenheit, sich zu kümmern.
mit nach hause nehmen können sie es nicht, und so bringen sie es in die leerstehende datsche von adams oma und ziehen beide in die "steppe", sara gibt dem wesen den namen flora, aber auch adam kümmert sich um das geschöpf wie um ein kind.
in einer welt zwischen klimakrise und biotechnologischen experimenten angesiedelt, einerseits sachlich, andererseits zärtlich geschrieben, scheint immer wieder das unheil durch: flora entwickelt sich, obwohl sie nichts zu sich nimmt, sie scheint mehr auf ihre umwelt einzuwirken als sie wahrzunehmen. und diese umwelt ist halt schon auch immer recht apokalyptisch. "weird-fiction" - so bezeichnet die buchkritik das genre auf swr.
mit einem leichten schauder gelesen, denn so weit weg ist diese welt nicht von unserer, nur vielleicht ein paar jahre und um ein paar kilometer ausserhalb dessen, wo wir uns befinden.
nachdem ich anschliessend den kant vollends zu ende gelesen hatte, freute ich mich auf
miroslav hlaučo, pfingsten.
von der vagen zukunft brachte mich dieser roman in die vergangenheit der bestehenden donaumonarchie, in ein kleines abgelegenes und etwas seltsames dorf, in dem wunder so alltäglich sind, wie anderswo die gesetze der physik. da wird über wasser gegangen, bäume werden mit sprüchen gefällt (aber nur die, die dazu bereit sind) und auch das wild und die fische dazu überredet, aus dem wald und dem wasser zu kommen. ganz abgesehen davon, dass während der sonntagsmesse wölfe das dorf bewachen und dabei sich auch mal um die säuglinge kümmern.
in diesem dorf kündigt sich nun ein kontrollbesuch der obrigkeit in form eines übereifrigen notars an - zugleich taucht ein bereits für tot erklärter ehemaliger bewohner wieder auf, mit dessen hilfe und kenntnis der welt da draussen unheil vom wunderbaren städtchen abgewendet werden kann. trotzdem sickert an manchen stellen die neue zeit und das neue jahrhundert ein, nebenbei wird auch noch geliebt und gelebt, sich geprügelt und dann wieder vertragen.
und das alles auf eine derart zauberhafte art und weise, dass man sich gleich ein paar dieser wunder für die heutige zeit und das eigene leben wünscht. magischer realimus - eine genrebezeichnung, die mich eher nicht anzieht, aber glücklicherweise bin ich über meinen schatten gesprungen und habe diese wunderbare erzählung nicht verpasst!
alena schröder, mein ganzes leben, öl auf leinwand, ohne titel
gab es in der dorfbibliothek. und da mir die bücher von alena schröder bisher spass gemacht haben, habe ich es mit nach hause genommen und in einem rutsch durchgelesen. dass es teil einer trilogie ist, die durch hannah zusammengehalten wird, ist mir nicht aufgefallen.
parallel erzählt schröder zwei geschichten, die von hannah, deren bisher abwesender vater unvermutet auftaucht, und die von marlen, die von ihrere familie im stich gelassen, in den wirren des zu ende gehenden zweiten weltkriegs von der malerin wilma aufgenommen wird. beiden geschichten folgt man gerne, und vermutet stets eine verbindung - die aber am ende recht dürftig ist und nur aus einer zufälligen begegnung besteht.
nichts grossartiges, aber nette unterhaltung. und eine gute überbrückung bis zum nächsten stück tschechische gegenwartsliteratur - aber das ist dann erst im november dran...



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